Buschkowsky-Style? Die Kolumne »Klartext« in der Sprachkritik

Es ist landläufig bekannt, dass es in der BRD der 1960er Jahren eine große rechtskonservative Gegenerzählung zu den erstarkenden links-oppositionellen und revolutionären Bewegungen gab. Im Zentrum dieser Erzählung stand die Vorstellung, dass ein unüberwindbarer Graben die deutsche Gesellschaft spaltet, der zwischen zwei Fronten verläuft: die ehrlichen Arbeiter auf der einen und die intellektuell-studentischen Taugenichtse, die auf Kosten der ersteren ihren spinnerten Lebensentwürfen nachgehen, auf der anderen Seite. Dafkinist untersucht anhand der Kolumne »Klartext«, welche Zugkraft solche und ähnliche Narrative im heutigen Diskurs immer noch zu haben scheinen.

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Kala Brisella »Endlich Krank«

Wenn der Weg in das Innere zum Desaster wird, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren, die letzten Reserven Rationalität zu mobilisieren und mutig das Unvermeidliche zu konstatieren. Dass Krankheit ein Weg sein kann, das ist sicherlich keine sonderlich neue Erkenntnis. Blumfeld besangen sie, zahlreiche Hochglanz-Health-Ratgeber stimmen unisono mit ein. In den tiefsten Tiefen der Krise wartet in einem dunklen Grund immer noch ein Ich, das es aufzubauen gilt, das in Trost zu betten ist. Was passiert aber, wenn auch dieser Weg verbaut ist? Verstellt wird durch eine Unmöglichkeit, sich selbst zu finden, zwischen all den Ich-Surrogaten, schillernden YouTube-Kanälen und pseudo-euphorischen Facebook-Posts?

Sadness und Survival-Look. Ein Versuch über Post-Truth und Post-Internet Art

In „postfaktischen“ Zeiten vermehren sich die mit Wahrheitsanspruch auftretenden Weltbilder, die für persönliche, politische oder religiöse „Verwendungszwecke“ zur Verfügung stehen. Diese prägen noch dann, wenn sie als Lüge identifiziert wurden, stark das gesellschaftliche Klima einer wachsenden Unruhe. Was genau mit dem „Postfaktischen“ gemeint ist, weiß aktuell wohl niemand so genau. In jedem Fall aber scheint es mehr und noch anderes zu bezeichnen als eine Lage, die schlicht durch eine sehr große Menge an konkurrierenden Informationen und Falschinformationen, wie sie in digitalen Netzwerken zur Verfügung stehen, gekennzeichnet ist. „Das Internet“ verunklärt und verschleiert nicht nur, es klärt auch auf, macht zugänglich, öffnet Räume. Für den Einzelnen wachsen hier die Möglichkeiten, selbst Inhalte zu generieren und Informationen zu überprüfen – damit wächst jedoch auch das Bewusstsein, sich keiner Sache mehr wirklich sicher sein zu können.

Im Gespräch mit: DJ Dingo Susi alias Benjamin Wild

Unter dem gleichermaßen obskuren wie possierlich anmutenden Künstlernamen DJ Dingo Susi veröffentlicht der Exilberliner Benjamin Wild bereits seit 2011 seine musikalischen Produktionen. In Alben und EPs, die über das freie Musikportal Bandcamp sowie in physischer Form über Online-affine internationale Kleinlabels Verbreitung finden, buchstabiert Wilds Lo-fi-Indie-Pop das aus, wofür Berlin in den 80er und 90er Jahren gestanden hat und sich noch heute gerne rühmt: Ein Gefühl für spontane Kreativtät und ein offenherziges Bekenntnis zum prekären Minimalismus, zum Schaffen alleine des Schaffens wegen.

Flanieren, Followen und Flamenco

Der im World Wide Web surfende User wird oft mit dem durch die Pariser Passagen des 19. Jahrunderts spazierenden Flaneur verglichen. Ist es aber tatsächlich möglich, durch das Internet zu ‚flanieren‘? Welches Gegenmodell ließe sich zur algorithmisch gesteuerten Fortbewegung denken? Und was geschieht, wenn eine Schildkröte Flamenco tanzen lernt?

Steve Reich »Four Organs and Phase Patterns«

Musik kann die Leere der Zeit mit Wohlklang erfüllen, das ist ein hinlänglich bekannter Topos der Musikästhetik. Dabei konsumieren wir als musikhörende Subjekte auch zum Teil weniger wohlige, dissonante Klänge mit einem gewissen Genuss. Alles scheint in Ordnung zu sein, solange wir im Fluss der Musik sind, solange wir also nicht spüren müssen, wie die Zeit vergeht. Eine ganz andere Strategie verfolgen da die auf dem Loop-Prinzip basierenden Kompositionen von Steve Reich.

Kunst und Sprache in Zeiten der Krise. Eine kleine Theorie-Utopie

In Zeiten der realen Krise ist es mitunter zu beobachten, dass das Leid direkt proportional zur Mitleidlosigkeit in der Sprache ansteigt. Kunst kann sich dieses Leidens sorgend annehmen, bedarf jedoch wiederum der Interpretation, der Kritik, dem Diskurs, der Theorie, letztlich also der Sprache, um es zu kommunizieren. Was aber, wenn die Sprache – populär wie intellektuell – auf mehreren Ebenen vergiftet ist? Wenn weder Kunst-, noch Kultur- oder Gesellschaftstheorie in der Lage ist, dieses Leiden zu vernehmen? Oder schlimmer: sich der Annahme bewusst entzieht? In Zeiten wie dieser bedarf es einer gänzlich neuen Form der Theorie. Eine Form, die sich gegenwärtig nur in Umrissen, als Theorie-Utopie zeigen kann.

Dissidenz und Discofox

Als Jens Friebe 2005 das Album «In Hypnose» veröffentlichte, hatte das eine fanalähnliche Wirkung: Da trat ein junger, auf Promofotos zumeist dandyhaft wirkender Mann in Erscheinung, ohne Scheu vor Haargel, Lipglos, Glitzerhemd und Blümchenregenschirmen, der Refrains wie „wir zwei auf einem Bungee-Seil, wär‘ das nicht geil“ mit einem beinahe schon großraumdiskotauglichen Schlager-Beat unterlegen und schon einen Track weiter mit „Theke mit den Toten“ eine Gitarren-Indie-Pop-Hymne par excellence mit fleischkonsumkritischen Liedtext positioniert konnte.

Yo La Tengo »Extra Painful«

„Let‘s be undecided, let‘s take our time“. Mit diesen programmatischen Worten eröffnen Yo La Tengo den Song »Big Day Coming«, zu finden auf dem 1993er Album »Painful«, das jetzt unter dem Titel »Extra Painful« wiederveröffentlicht wurde. Kein Zufall, dass die Reissue-Wahl gerade auf das sechste Studio-Album der Band fiel, zeigt sich hier doch die musikalische Idee Yo La Tengos in einer besonders klaren Verfasstheit.

Origami für Einsteiger

Die Freiheit, seine Persönlichkeit möglichst vollständig zu entfalten, wird zunehmend zur Pflicht, der es aktiv nachzukommen gilt. Als gerade auch in digitaler Form zu präsentierende steht die ‚Selbstverwirklichung’ im Verdacht, den Anderen in seiner Bedeutung für das Selbst auszublenden. Vielleicht auch, weil sich dieser nur schwer auseinanderfalten lässt. Die Alternative eines zerknüllenden, einwickelnden Umgangs berücksichtigt dies – legitimiert aber gerade keine passive Zurückhaltung.

Slowcore. Für eine Chronopolitologie des Populären

Wenn Lana Del Ray offenherzig über sommerliche Traurigkeit in Hollywood sinniert und dabei aufgesetzte Wohlstandsmelancholie mit Sadcore verwechselt, wenn Silbermond die „schnelle Zeit“ beklagen und Entschleunigung zum omnipotenten Heilsversprechen für post-urbane Burnouts wird, dann stimmt irgendetwas nicht. Eine Gesellschaft im Slowcore-Modus. Hat ein popmusikalisches Genre so etwas verdient? Wohl kaum. Wie aber kann man der Langsamkeit ihr kritisches Potential zurückgeben?

Gesellschaftsspiele

Zwischen Vitrinen voller Hashtags und Freizeitvergnügungen im Schwarzwald kann man sich schon mal verlaufen. Wer da nicht an die Verlinkung gedacht hat, guckt schnell dumm aus der Wäsche. Zum Glück kann man ja jederzeit neue Brücken bauen, von der Natur zur Kultur, von der Kunst zur Philosophie, von Ast zu Ast (in letzterem Fall hilft natürlich auch Springen). Nützliche Tipps und Tricks für solche Bauvorhaben sind dabei stets willkommen.

The Notwist »Close To The Glass«

Zugfahrten wie diese binden mich in einen angenehmen Automatismus ein. Für sieben Stunden lang ein Selbstläufer. Als ein Teil des Bewegungsflusses gebe ich mich ganz der Gewissheit hin, dass die Schale mich bettet, trägt und liebevoll transportiert. Die mechanische Arbeit, die dabei rüde an mir wirkt, will ich nicht wahrnehmen. Vielleicht besser: sie verdampft in einem zumeist regelmäßigen und sonoren Pochen, in einer verheißungsvollen Monotonie, die hier und da von technischen Signalen unterbrochen wird. Sie wirken auf mich wie konstitutive Störungen in einem Großen und Ganzen. Wohliges Unbehagen. Stupide existenzielle Gedanken in einem viel zu unbequemen Sitz mit viel zu muffigem Muster. Ich denke nach über Hermetik und die Unmöglichkeiten geschlossener Zugabteile.

Darkside »Psychic«

Wer für akustisch induzierte Klaustrophobie anfällig ist, sollte sich vor Nicolas Jaar und Dave Harrington in Acht nehmen: Mit ihrem Electronica-Projekt Darkside meinen die in Brooklyn ansässigen Klang-Künstler es bitterernst. Der Albumtitel »Psychic« hält was er verspricht: Hier erwartet den geneigten Hörer eine psychoanalytische Safari durch die abgelegenen Stimmungslandschaften des klanglich Unbewussten.

Loftus »Loftus«

In der mittelhochdeutschen Heldenepik galt es gemeinhin für den Protagonisten als eine große Gefahr, der Verführung eines Ortes jenseits der Zeit zu erliegen. Ein Ort, der zunächst als Idyll erscheint. Man nannte dieses Phänomen „Verligen“. Wenn es so etwas wie einen Soundtrack des Verligens gibt, dann hätten Loftus Anrecht darauf, seine Slacker-Version geschrieben zu haben.